Dieses Tagebuch ist von März 1943 bis Januar 1944 entstanden. Die Einträge setzen in Berlin-Dahlem ein, wo Schmitt seinen Alltag zwischen Vorlesungen, wissenschaftlichen Gesprächen und Lektüren festhält. Er bereitet eine Vortragsreise nach Spanien vor, vertieft sich in Donoso Cortés1 und Ortega y Gasset2 und verschickt Exemplare seines Leviathan von 1938.3 Zugleich dokumentiert dieses Tagebuch, wie Schmitts völkerrechtliche Überlegungen, die er seit den 1930er Jahren verfolgt, Buchgestalt annehmen: Im März 1943 notiert er νόμος ist Landnahme
(20.3.1943) und macht Notizen zum Nomos
(27.3.1943), um Ostern liest er Grotius und Pufendorff über Landnahme
4 (23.4.1943) und klagt: Wie mühselig entsteht bei mir ein einziger Satz
(27.4.1943), im Mai notiert er Die Landnahme Josuas
(Jos 2–11, 20.5.1943), Anfang Juli heißt es: Erstaunt über Vitoria: Die Spanier hatten nicht mehr moralisches Recht, Indien zu entdecken, wie die Indianer, Europa zu entdecken
(1.7.1943),5 im August schreibt er fleißig an dem Nomos
(13.8.1943), und im Dezember holt er das zum Abschreiben außer Haus gegebene Manuskript wieder ab (27.12.1943). Was 1950 als Der Nomos der Erde erscheint, hat in diesen Monaten seine früheste in den Tagebüchern greifbare Werkstatt; die systematischen Exzerpte zu den Klassikern des Völkerrechts folgen ab Juli 1944 im Arbeitsbuch RW 265-19601.
Am 27. März 1943 stirbt Schmitts Mutter in Plettenberg; der Verlust trifft ihn tief und prägt dieses Jahr seines Lebens. Die Einträge zeigen ihn in einem spannungsreichen Netz intellektueller Beziehungen zu Ernst Jünger, Johannes Popitz, Wilhelm Ahlmann und Werner Fraenger. Besonders das enge Verhältnis zu Popitz ist voller Ambivalenz: Momente der Nähe und Zuneigung wechseln sich ab mit Feindseligkeit und Ausdrücken von Zurückweisung und Einsamkeit. Ähnlich gestaltet sich die Freundschaft zu Jünger, in der sich intellektuelle Nähe und materieller Neid mischen.
Im Mai und Juni 1943 reist Schmitt zu Vorträgen nach Spanien und Portugal – nach Madrid, Coimbra, Granada und Salamanca. Die ausführlichen Aufzeichnungen dieser Reise hat er als Einlage in das Heft mit der Signatur RW 265-19601 eingefügt. In den knappen Notizen innerhalb des vorliegenden Heftes erscheint die Reise vielschichtig: Schmitt hält den Erfolg seines Madrider Vortrags vor 500 Zuhörern fest und die Begegnungen mit spanischen Intellektuellen wie Eugenio d’Ors und Pedro Laín Entralgo, notiert aber zugleich diplomatische Schwierigkeiten und politische Vorbehalte, die das Unternehmen begleiteten; Spanien ist seit Stalingrad zunehmend um Distanz zum Deutschen Reich bemüht. Die Reise steht im Kontext der kulturpolitischen Auslandspropaganda des Auswärtigen Amtes und des DAAD – dass Schmitt ein solcher Auftrag angesichts der angespannten Lage anvertraut worden ist,6 steht im Widerspruch zu seiner Selbststilisierung als Außenseiter.
Mit dem Sturz Mussolinis am 25. Juli 1943 verschärft sich die Wahrnehmung der Kriegslage. Schmitt notiert: Tief ergriffen
und erinnert sich an eine persönliche Begegnung mit dem Diktator im April 1936. In denselben Tagen liest er Léon Bloys Le Salut par les Juifs7 und kommentiert die Bombardierung Hamburgs mit den Worten Gruß aus Sodom und Gomorrha
. Kannte Schmitt den alliierten Codenamen Operation Gomorrha für die Angriffe auf Hamburg über ausländische Radiosender? Frappierend ist die theologische Semantisierung des Krieges, die sich in den Einträgen dieser Tage verdichtet: Am 29. Juli notiert Schmitt nach Nachrichten aus Hamburg Deus est judex
, am 30. Juli schreibt er vom Fegefeuer, das nun endlich kommen muß
, und am 31. Juli ergreift ihn bei der Bloy-Lektüre die Stelle über Sodom und Gomorrha – eine durchgängige Deutung des Luftkriegs als göttliches Gericht.
Das Tagebuch ist durchzogen von antijüdischen Ressentiments: als stereotypisierender Blick auf Besucher (sieht jüdisch aus, zu gut gekleidet, eleganter, wie ein jüdischer Korpsstudent und Reserveoffizier im 3. Grad der Assimilation
, 17.4.1943), als Theorie (Indem der Jude ein Wort gebraucht, fälscht er etwas, notwendigerweise
, Bild 84) und als Traum: eine dreiste Jüdin ruft: Sie sind die deutschen Pastorentöchter, Sie hassen uns und tun uns Schweine ins Gesicht
(26.3.1943). Sich selbst sieht Schmitt in einer Metaposition: Meine Kenntnis der Judenfrage ist zu tief, als daß ich mit Philo- oder Antisemiten zu tun haben könnte
(9.8.1943); Wie schmutzig auch die Juden sind, noch schmutziger ist der Judenfeind
(2.4.1943).
Das Tagebuch dokumentiert, dass Schmitt von der Ermordung der europäischen Juden wusste. Am 26. Mai 1943 heißt es nach einem geselligen Abend: zusammen zu mir, aßen zu Abend, tranken eine Flasche Drohner und eine Flasche Rotwein; sprachen über den kommenden Terror, Schroer war grauenhaft; sie wollen alle Juden auf dem ganzen Erdboden vertilgen. Gutjahr war nett und frisch, problemlos
.8 Am 28. Juni kommentiert er nach einem Abendessen in seinem Haus den Aufstand im Warschauer Ghetto (19.4.–16.5.1943): schöner slovenischer Wein; Appel war auch da. Erzählte von der Schlacht im Warschauer Ghetto; das wird ein Mythos.
Damit taxiert er den Akt der Vernichtung auf seinen zukünftigen Symbolwert.9 Er registriert auch Folgen des eigenen Mittuns. Im Januar 1944 notiert er über den Philosophen Eduard Spranger (1882–1963), dass dieser nichts mehr mit mir zu tun haben will, seitdem ich die Judentagung 36 gemacht habe
.10
Die vom Regime ausgeübte Gewalt betrifft auch Schmitts soziales Umfeld in Berlin-Dahlem und reicht bis in sein Wohnzimmer. Am 11. April 1943 notiert er den Besuch der Grafikerin und Schriftstellerin Ruth Hoffmann (1893–1974):11 sie kam wegen ihres jüdischen Mannes
– hilfesuchend bei einem Mann, der über Beziehungen verfügte.12 Duschka war gleich hilfsbereit
, notiert Schmitt – und über sich selbst: Mir ekelte
. Drei Monate später, am 15. Juli 1943, wird Ruth Hoffmanns Ehemann, der Bankvorsteher Erich Scheye (*1883) in Auschwitz ermordet.13 Zwischen diesen beiden Daten, am 19. Juni 1943, hält eine Klammerbemerkung den Tod eines Mannes aus demselben Umfeld fest: Frau Marcks, die die blauen Rittersporn abbrach, weil der arme Mann (Jude) Selbstmord begangen hat
. Und bei einer Ziviltrauung im Standesamt Faradayweg vermerkt Schmitt am selben Tag beiläufig den Ort: in einer wahrscheinlich früher jüdischen Villa
.
In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 zerstört eine Luftmine seine Dahlemer Wohnung; Schmitt verliert einen großen Teil seiner Bibliothek. Es folgt der Rückzug nach Plettenberg in der westfälischen Heimat. Das Bild, das die Einträge von dort zeichnen, ist ambivalent: Beengte Wohnverhältnisse und Konflikte mit seiner Schwester Ännchen kennzeichnen diese Zeit ebenso wie die weiten Spaziergänge mit seinem Bruder Jup über den Saley und durch das Lennetal, bei denen Schmitt die Landschaft des Sauerlands mit einer Intensität wahrnimmt, die den Tagebucheinträgen sonst selten eigen ist – tief glücklich beim Anblick der Berge an der Lenne
(21.9.1943). Diese Naturwahrnehmung steht neben den Reisebeobachtungen durch ein Land, das 1943 bereits zu weiten Teilen zerstört ist. Schon die Anreise zur Beerdigung der Mutter im März beschreibt Schmitt als furchtbare Fahrt von Hagen nach Plettenberg die Lenne herauf
(29.3.1943); im Mai hält er die Zerstörung der Möhne- und Edertalsperre durch britische Bomber fest und notiert die Bombardierung der Sorpetalsperre. (18.5.1943, 21.5.1943)
Immer wieder rezitiert Schmitt Gedichte: Verse von Theodor Däubler, die ihn durch die Bombennacht begleitet haben,14 und vor allem Nikolaus Lenaus Merlin-Gedicht – Wie Merlin/ Möcht ich durch Wälder ziehen
–, dessen Motiv des Waldgangs15 und des Hörens auf verborgene Stimmen wie ein Echo der eigenen Rückzugsbewegung ins Sauerland wirkt. Im Hintergrund steht Schmitts wiederkehrende Polemik gegen das, was er als Termitisierung
der modernen Großstadtgesellschaft beschreibt: den Freizeitgestalter
, den Amerikanismus, die technisierte Massenkultur – eine massa perditionis der Großstadt
, wie er in einer bezeichnenden Verbindung von Insektenmetapher und Theologie formuliert. Gegen diese als übermächtig empfundene Entwicklung setzt Schmitt die Hinwendung an Natur, Dichtung und langsame Gelehrsamkeit – eine Art persönlicher Katechon, aufhaltende Kraft (2 Thess 2,6–8) gegen das Endzeitgefühl.